Buchtipp 03: Bildungsstandards

Criblez. L., Oelkers, J., Reusser, K., Berner, E., Halbheer, U. & Huber. C. (2009). Bildungsstandards. Seelze-Velber: Kallmeyer.

Kaum ein Thema hat im fachwissenschaftlichen und im bildungspolitischen Diskurs der letzten Jahre so hohe Aufmerksamkeit erzeugt wie die „Bildungsstandards“. Das Buch ist als Einführung konzipiert und verbindet theoretische Reflexionen mit Informationen und Hinweisen zur Einführung von Bildungsstandards in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Es werden im Buch auch Massnahmen reflektiert, die in Verbindung mit der Implementierung von Bildungsstandards notwendig sind, um die erhofften Qualitätsverbesserungen tatsächlich erreichen zu können. Sollen Bildungsstandards in der Schule etwas bewirken, müssen sich Lehrerinnen und Lehrer sich mit den in diesem Band thematisierten Grundfragen auseinandersetzen. Aufgaben sowie weiterführende Texte und Dokumentationen, die dem Band auf einer CD-Rom beigelegt sind, unterstützen diesen Prozess.

Soviel zum Klappentext, doch in welche Kapitel gliedert sich das Buch?

Nach einer Einleitung, wird der Begriff „Standard“ definiert: «Dem Standardbegriff wohnen zwei Bedeutungen inne: Einerseits bezeichnet ein Standard ein Ziel, also einen zu erreichenden Ideal- oder Normalfall („was gemacht, erreicht werden sollt“). Andererseits kann aber auch ein erreichtes Qualitäts- oder Leistungsniveau gemeint sein, also die Messung einer Leistung im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel oder Ideal („wie gut etwas gemacht wurde“). Im ersten Fall geht es um das Entweder-oder, im zweiten um das Mehr-oder-weniger bzw. Besser-oder-schlechter (vgl. Herzog, 2008b, S. 3; Ravitch, 1995, S. 7)» (Criblez et al., 2009, S. 17, Hervorhebung im Original). Da derzeit im deutschsprachigen Europa ein Wandel von einer inputorientierten hin zu einer outputorientierten Steuerung festzustellen ist, beziehen sich Standards nicht mehr nur auf die Inputs des Bildungssystems (Lehrpläne, Lehrmittel, Finanzen, Infrastruktur, Lehrerlektionen usw.), sondern der Blick wird vermehrt auf die Ergebnisse und die Wirkungen von Schule gerichtet (Output und Outcomes) (vgl. ebd., S. 19).

Der Begriff der „Bildungsstandards“ wird ebenfalls definiert resp. es wird deutlich gemacht, dass dieser sehr unterschiedlich verwendet wird, weil damit verschiedene Konzepte verbunden sind. So wird in der deutschsprachigen Diskussion um Bildungsstandards immer wieder auf die deutsche Expertise Zur Entwicklung nationaler Bildungsstandards (Klieme et al., 2003) Bezug genommen.
Der in dieser Expertise definierte Bildungsstandards-Begriff legt einen starken Fokus auf das Konzept der Kompetenz: «Bildungsstandards formulieren Anforderungen an das Lehren und Lernen in der Schule. Sie benennen Ziele für die pädagogische Arbeit, ausgedrückt als erwünschte Lernergebnisse der Schülerinnen und Schüler. Damit konkretisieren Standards den Bildungsauftrag den allgemeinbildende Schulen zu erfüllen haben. Bildungsstandards […] greifen allgemeine Bildungsziele auf. Sie benennen Kompetenzen, welche die Schule den Schülerinnen und Schülern vermitteln muss, damit bestimmte zentrale Bildungsziele erreicht werden. Die Bildungsstandards legen fest, welche Kompetenzen die Kinder oder Jugendlichen bis zu einer bestimmten Jahrgangsstufe erworben haben sollen. Die Kompetenzen werden so konkret beschrieben, dass sie in Aufgabenstellungen umgesetzt und prinzipiell mit Hilfe von Testverfahren erfasst werden können» (Klieme et al., 2003, S. 19).

Anders wir der Begriff von Ravitch (1995) verwendet. Sie geht von einem dreiteiligen Standardbegriff aus und unterscheidet dabei drei Arten, welche unterschiedliche Bedeutungen und Zwecke haben, aber dennoch zueinander in Beziehung stehen:

  • Inhaltliche Standards (Content Standards, Curriculum Standards) > damit werden Lernziele und Lerninhalte schulischen Lernens bezeichnet (also Grobziele).
  • Leistungsstandards (Performance Standards) > diese bezeichnen das, was im deutschsprachigen Diskurs gemeinhin unter Bildungsstandards verstanden wird. Sie beziehen sich auf den Output oder den Outcome des schulischen Lernens, d.h. sie legen fest, welche Leistungsziele und welches Niveau der Kompetenz die Schüler/-innen zu einem bestimmten Zeitpunkt erreichen sollen. Leistungsstandards können nach ihrem Zielniveau unterschieden werden (Minimalstanddards, Regelstandards, Maximalstandards).
  • Standards für Lehr- und Lernbedingungen (Opportunity-to-learn-Standards, School Delivery Standards) > diese beziehen sich auf den Input und die Prozesse des schulischen Lernens. Sie definieren Ressourcen, welche zur Verfügung stehen sollen, damit die Schüler/-innen sowohl die vorgeschriebenen inhaltlichen Standards lernen als auch die Leistungsstandards erreicehn können. Unter Ressourcen werden nicht nur finanzielle Mittel verstanden, sondern insbesondere auf die Kompetenzen der Lehrpersonen (und damit verbunden die Qualität der Lehrerinnen- und Lehrerbildung), die Qualität des Unterrichts sowie die konkreten Lern- und Arbeitsbedingungen innerhalb einer bestimmten Schule.

Später wird der Bezug zwischen Bildungsstandards, Bildungszielen und Kompetenzmodellen erläutert, denn «um die Beziehung zwischen Bildungstandards und Kompetenzen zu konkretisieren, müssen theoretische Kompetenzmodelle entwickelt werden, welche den kumulativen Kompetenzaufbau beschreiben und die Kompetenzen systematisch ordnen (Moser, 2005, S. 2)» (vgl. ebd., S. 36). Solche Kompetenzmodelle sind wissenschaftliche Konstrukte, mit denen Bildungstandards für die Umsetzung in die Praxis operationalisiert, d.h. in konkrete Beispiel, Aufgabenstellungen und Testverfahren umgemünzt werden können. (vgl. ebd., S. 38). Dies alles wird im zweiten Kapitel des Buches sehr verständlich beschrieben.

Das dritte Kapitel befasst sich mit (historischen) Kontexte der Reformdiskussion, das vierte Kapitel mit der Implementierung der Bildungsstandards in Deutschland, Österreich und der Schweiz, das fünfte mit den Folgen der Implementierung von Bildungsstandards für Schule und Unterricht, das sechste mit der Bedeutung der Bildungsstandards für die Unterrichtsentwicklung, das siebte mit der Kritik an Theorie und Praxis von Bildungsstandards und das letzte Kapitel resümiert zwischen den hohen bildungspolitischen Erwartungen und der pädagogischer Fundamentalkritik, welche die Diskussion um Bildungsstandards auslöste und nimmt die wichtigsten Aussagen des Buches nochmals auf.

Schön ist, dass jedes Kapitel Hinweise auf weiterführende Dokumente enthält, die sich auf der beigelegten CD-Rom befinden. Mir scheint, dass den Autorinnen und Autoren ein gelungenes Werk für Dozierende in der Lehrerinnen- und Lehrerbildung, aber auch Lehrerstudierende, sowie Berufseinsteiger/-innen und Lehrkäfte aller Schulstufen gelungen ist!

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