Jahreskongress „Unterrichtsforschung und Unterrichtsentwicklung“ | Teil 3

Der von der Schweizerischen Gesellschaft für Bildungsforschung (SGBF) und der Schweizerischen Gesellschaft für Lehrerinnen- und Lehrerbildung (SGL) organisierte Jahreskongress zum Thema „Unterrichtsforschung und Unterrichtsentwicklung“ fand am 1. Juli 2009 seinen Abschluss.

Am Vormittag besuchte ich ein grosses Symposium zum Thema „Unterrichtscoching in der Lehrerbildung“. In diesem Symposium wurden Ergebnisse aus vier Studien berichtet, in welchen das Modell des Fachspezifisch-Pädagogischen Coachings (West & Staub, 2003; Staub, 2001, 2004, 2006) in unterschiedliche Kontexte übertragen wurde. In drei Einzelstudien ging es um reine Weiterbildungskontexte.

So berichtet als erster Ueli Hirt von der PH Bern von den Erfahrungen, Herausforderungen und Brennpunkte, welche sie mit dem Fachspezifisch-Pädagogischen Coachings (Content Focused Coching | CFC) in der Weiterbildung von Lehrpersonen gemacht hatten. Die Weiterbildung findet – ganz nach dem Modell – im Unterricht der Lehrperson statt. Der Unterrichtscoach verfügt über vertiefte fachdidaktische, unterrichts- und lernrelevante Kenntnisse, über eine Ausbildung im CFC und über ausgewiesene Stufen- und Facherfahrung. Zudem ist er oder sie als Dozent/-in am Institut für Weiterbildung tätig, aber – und dies scheint mir sehr zentral – unterrichtet auch selber auf der Zielstufe. Diese Form der Weiterbildung (genaue Beschreibung hier einsehbar) dauert mit der Erst- und der Abschlussbesprechung insgesamt 20 Stunden.

Einen zweiten Weiterbildungsansatz stellte Alexander Wettstein (ebenfalls von der PH Bern) vor. Er fragte sich, welche Bedeutung der Unterrichtsqualität in der Prävention von Unterrichtsstörungen zukommt. Konkret haben er und Beat Thommen das Setting des CFC zur Unterstützung von Lehrpersonen bei Unterrichtsstörungen eingesetzt. Im Gegensatz zum fachspezifisch-didaktischen Coaching orientierte sich ihr Vorgehen primär an allgemein-didaktischen, pädagogischen und sozialpsychologischen Wissensbeständen. So zielen die Interventionen auf die Veränderung von Interaktionsmustern und Unterrichtsprozessen ab. Ein angenommenes, aber noch nicht veröffentlichtes Paper wird dazu in „Psychologie in Erziehung und Unterricht“ erscheinen: Wettstein, A., Thommen, B. & Eggert, A. (2009, accepted). Von der Aggressionsdiagnostik zur Unterrichtsqualität. Die Bedeutung didaktischer Aspekte in der Aggressionsprävention – drei Videostudien.

Der dritte Weiterbildungsansatz wurde Annelies Kreis und Fritz Staub vorgestellt. Es handelt sich um das „Kollegiale Unterrichtscoaching“ (in Anlehnung an das CFC) als Ansatz zur Implementierung schulischer Innovation. Es wurde dargestellt, inwieweit eine interne Weiterbildung an der PH Thurgau zum „Kollegialen Unterrichtscoaching“ den Dialog über Lehr-Lernprozesse zwischen Lehrpersonen anzuregen vermag. Der Fokus richtete sich auf Veränderungen in den Besprechungsinhalten und Durchführungsmodi anlässlich gegenseitiger kollegialer Unterrichtsbesuche. Zudem zu Gelingungsbedingungen für die Implementation des Coachings in Schulteams, als auch auf die mittelfristige Bedeutung des Ansatzes in Zusammenhang mit Aktivitäten der Schule. Ich berichtete bereits an anderer Stelle darüber (hier) und ein ausführlicher Forschungsbericht kann als PDF heruntergeladen werden.

Drei weitere Berichte dieses Symposiums handelten von Teilstudien innerhalb der grösseren Intervenionsstudie der Pädagogischen Hochschule Thurgau und der Universität Fribourg “ Unterrichtsentwicklung durch fachspezifisches Coaching“ (vgl. Ausschreibung).

Ein Referat fokussierte die Rolle der Praxislehrpersonen während des Unterrichts ihrer Praktikantinnen und Praktikanten. Diese hielten sich bis anhin meist im Hintergrund, während die Studierenden an ihrer Klasse unterrichteten. Das Fachspezifisch-Pädagogische Coaching (Content Focused Coaching | CFC) sieht jedoch vor, dass sich die Praxislehrpersonen viel aktiver am eigentlichen Unterrichtsgeschehen beteiligen, denn: Unterricht wird im Rahmen des Modells in geteilter Verantwortung gemeinsam vorbereitet und teilweise auch gemeinsam erteilt. Es  hat sich im Rahmen der Interventionsstudie gezeigt, dass sich die Praxislehrpersonen der Interventionsgruppe aktiver am Unterricht beteiligten, als ihre Kolleginnen und Kollegen der Kontrollgruppe.

Annelies Kreis stellte in einem weiteren Beitrag Teile ihrer Dissertation vor. Es ging um die Gestaltung von produktiven Unterrichtsbesprechungen, wobei Kreis nach Unterschieden in der Makrostruktur von Unterrichtsbesprechungen mit hohem und geringem Lernertrag suchte. Die Hauptfragestellung lautete, ob sich Unterrichtsbesprechungen der Interventionsgruppe (deren Praxislehrpersonen in einer substantiellen Weiterbildung zum CFC weitergebildet wurden), hinsichtlich des Auftretens und der Abfolge charakteristischen Phasen von jenen der Kontrollgruppe unterscheiden. Zudem interessierte, welcher Zusammenhang zwischen dem Lernertrag der Studierenden und der makrostrukturellen Gestalt der Unterrichtsbesprechungen besteht. Beide Fragestellungen wurden anhand von Videoaufnahmen untersucht. Etwas vereinfacht ausgedrückt kann festgehalten werden, dass die Phasen der Vor- und Nachbesprechungen der Interventionsgruppe dialogischer verlaufen.

Im dritten Beitrag im Rahmen der Interventionsstudie wurde die Wirkung des Unterrichtscoachings auf die von den Praktikantinnen und Praktikanten erreichte Unterrichtsqualität untersucht. Die Studierenden wurden zufällig einer Praxislehrperson der Interventions- resp. Kontrollgruppe zugeteilt. Eine Expertin für Fachdidaktik Mathematik beurteilte die Unterrichtsqualität der Videos anhand eines hoch-inferenten Ratings, ohne dabei über die Zugehörigkeit zur IG resp. KG informiert zu sein. Das verwendete Raster beruhte auf einem Instument von Ditton und Merz (2000) und beinhaltet 18 Items. Eine zweite Expertin beurteilte zehn zufällig ausgewählte Videolektionen. Auf der Grundlage der über alle 18 Items aggregierten Gesamtwerts fällt die Unterrichtsqualität der Interventionsgruppe signifikant höher aus als als jene der Kontrollgruppe. Dieses Resultat beeindruckt mich sehr, erweist sich somit ein Unterrichtscoaching auf der Grundlage des Fachspezifisch-Pädagogischen Coachings gegenüber herkömmlichen Bedingungen der Unterstützung im Praktikum überlegen.

Am Nachmittag fand die dritte Verleihung des Hans Aebli Anerkennungspreises der Aebli-Naef-Stiftung statt. Dieser ging ex aequo an Prof. Dr. Andrea Bertschi-Kaufmann von der Pädagogischen Hochschule der FHNW und an Prof. Dr. Bernard Schneuwly von der Université de Genève.

Die Hans Aebli Vorlesung hielt Prof. Dr. Manfed Prenzel zum Thema: „Von der Unterrichtsforschung zur Exzellenz in der Lehrerbildung“. Mehr davon – vor allem zur neuen „School of Education“ an der TU München später.

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